„Ich träume manchmal davon, alles rauszuschreien.“

Autorenlesung von Anja Tuckermann bei Zehntklässlern der Seckenheimschule

 

 

 Gerade einmal neun Jahre alt waren Mano und Hugo Höllenreiner, als sie mit ihren Familien ins Konzentrationslager Auschwitz gebracht wurden. Der Grund: Sie waren Sinti, die von den Nationalsozialisten als „minderwertige Rasse“ angesehen wurden. Obwohl beide Familien die deutsche Staatsbürgerschaft besaßen und wirtschaftlich erfolgreich waren, schützte sie das nicht vor der Deportation.

Über die schrecklichen Erlebnisse in den Konzentrationslagern von Auschwitz, Ravensbrück und Sachsenhausen konnten Mano und Hugo Höllenreiner Jahrzehnte nicht sprechen. Berge von Toten, Erschießungen in direkter Nähe der Kinder, extremer Hunger, ständige Kälte, völlig überfüllte Baracken mit nur einem Brett als Schlafplatz für eine ganze Familie, Sterilisierung durch SS-Ärzte – all dies verdrängten sie, um ihren Alltag nach der Befreiung bewältigen zu können. Nachts allerdings kehrten die traumatischen Erlebnisse regelmäßig in Alpträumen wieder zurück.

Das Buch „Mano“ von Anja Tuckermann wurde in diesem Schuljahr als Prüfungslektüre für die Realschulen in Baden-Württemberg ausgewählt. Deshalb hatte die Seckenheimschule die Autorin, die 2006 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde, für eine Lesung eingeladen. Wer sie bei der Lesung erlebte, verstand, warum Hugo und Mano als über 70-Jährige der Autorin schließlich Vertrauen schenkten: Anja Tuckermann ist eher zurückhaltend, hört genau zu und kann sich gut auf ihr Gegenüber einstellen. „Manchmal hätte ich bei den Berichten am liebsten geweint, aber dann hätten sie nicht weitererzählen können“, erzählte die Autorin. Die Möglichkeit, sich alles von der Seele zu reden, empfanden beide Senioren als Entlastung, die Alpträume wurden weniger oder hörten auf. Manos Wunsch „Ich träume manchmal davon, alles rauszuschreien“ hatte sich erfüllt.

Hugo Höllenreiner konnte nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager zu seiner Familie nach München zurückkehren. Sein Cousin Mano, die Hauptperson der Prüfungslektüre, war damals aber so krank, dass er auf einem Transport mit anderen befreiten KZ-Überlebenden nach Frankreich gebracht wurde. Er erfuhr Hilfe von vielen engagierten Franzosen, lebte aber in ständiger (unbegründeter) Furcht, als Deutscher erkannt und erschossen zu werden. Mono musste mühsam ein normales Leben erlernen: im Bett statt auf dem Boden zu schlafen, mit Besteck langsam zu essen, statt möglichst schnell das Essen mit den Händen in sich hineinzuschaufeln, mit anderen Kindern zu spielen. Erst im Dezember 1946 war Manos Familie mit ihrer Suche nach dem verschwundenen Sohn erfolgreich und konnte ihn wieder heimholen nach München.

Bis heute leidet Mano Höllenreiner unter den Auswirkungen seiner Kindheit im Konzentrationslager, denn er ist Analphabet. Die fehlende Schulbildung konnte er nicht mehr nachholen, trotzdem verdiente er als Antiquitätenhändler den Lebensunterhalt für sich und seine Familie.

Neben vielen anderen Dingen wollten die sehr aufmerksam zuhörenden Schüler am Ende der Veranstaltung von Anja Tuckermann wissen: „Hatte das Schreiben des Buches auch auf Sie Auswirkungen?“ Die Autorin bejahte: „Ich bin gelassener geworden, nehme kleine Probleme nicht mehr so wichtig. Andererseits bin ich sensibler geworden, wenn es um Ausgrenzung anderer Menschen und um Rassismus geht.“ 


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